Die verborgene Komplexität von Gemeinschaftsdepots

Eine Ehe oder enge Partnerschaft bedeutet wichtige Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Karriereentscheidungen, der Wohnort, die Frage ob man Kinder will und wie die Erziehung ablaufen soll gehören wohl zu den wichtigsten Fragen des Lebens. Diese Fragen mit jemandem zu besprechen und zu erörtern, jemanden zu haben mit dem man seine Ansichten zu diesen Themen weiterentwickeln kann und der einem Rückhalt und Sicherheit in solch elementaren Fragestellungen gibt, gehört wahrscheinlich zu den schönsten und oft nicht genug in den Fokus gestellten Vorteilen des gemeinsamen Lebens. Eine weitere wichtige Frage mit der sich Paare sinnvoller Weise auseinandersetzen, ist die Frage nach Vermögensaufbau und -planung. Entscheidungen über die Geldanlage, die Vorsorge für den gemeinsamen Lebensabend oder großen Investitionen auf dem Weg dahin, sind Meilensteine des gemeinsamen Lebens. Oftmals wird hierfür das Modell “Gemeinschaftsdepot” in Betracht gezogen. Als Begründung hört man oft, dass es einfach und unkompliziert ist. Setzt man sich mit dem Thema etwas intensiver auseinander, wird schnell klar, dass dieser nachvollziehbare erste Eindruck täuscht - und dass es eine gute Alternative gibt.

Worum geht’s?

  • Was macht ein Gemeinschaftsdepot aus
  • Worin liegt die verborgene Komplexität von Gemeinschaftsdepots
  • Eine oft sinnvolle Alternative

Was macht ein Gemeinschaftsdepot aus? Verfügung und Eigentum

Wichtig an dieser Stelle ist es, erstmal zwischen Konten und Depots zu unterscheiden. Gemeinschaftskonten werden oft für (Sicht-)Einlagen verwendet, auf die im Falle eines Gemeinschaftsdepots mehrere Parteien Zugriff haben. Als digitaler Vermögensverwalter werden wir uns an dieser Stelle ausschließlich mit den Gemeinschaftsdepots beschäftigen.

Wichtig für die Klassifizierung eines Depots ist erstmal die Unterscheidung zwischen Rechten die aus dem Depotvertrag entstehen (Verfügung) und der Eigentumslage. Auf Basis der Verfügung können auf der obersten Ebene “Und-” und “Oder-Depots” klassifiziert werden. “Und-Depots” kennzeichnen sich durch eine gemeinschaftliche Führung. Das bedeutet jede Transaktion muss von beiden Seiten verifiziert und autorisiert werden. In vielen Fällen geht das jedoch mit einigem Aufwand für den Anbieter als auch für die Depotinhaber einher. Daher eignen sich diese nur für sehr wenige Kandidaten und werden nur selten angeboten.
Im Fall von “Oder-Depots” hingegen können alle beteiligten Parteien Transaktionen einzeln autorisieren. Daher stellt diese Klasse der Gemeinschaftsdepots auch den meistgenutzten Typ dar.

Neben der Verfügung über den angelegten Betrag sind auch die Konsequenzen interessant, die sich für die Eigentumslage ergeben. Eine Anlage in einem Gemeinschaftsdepot kann als hälftige Schenkung an den Partner gelten. Dies gilt jedoch nicht immer zwangsläufig, wie beispielsweise bei einer Umwandlung von einem Einzeldepot in ein Gemeinschaftsdepot. Hier kann eine vereinbarte Gütertrennung oder beispielsweise ein Testament, das einen anderen Erben bestimmt die Vermutung des hälftigen Eigentums am Vermögen auf dem Depot aushebeln. Der Gesetzgeber nimmt an, dass ein Gemeinschaftsdepot als Zweck hauptsächlich die gemeinschaftliche Verfügung über das Vermögen, nicht jedoch unbedingt das gemeinschaftliche Eigentum hat. Für eine eindeutige Zuordnung des Eigentums wird daher oft eine zusätzliche vertragliche Vereinbarung empfohlen, die den Sachverhalt zweifelsfrei regelt.

Stolpersteine auf einem scheinbar leichten Weg

Vorteile für ein Gemeinschaftsdepot finden sich beispielsweise in der Einsparung von Orderkosten bei gemeinsamen An- und Verkäufen. Daneben wird oft die Verwaltung des Vermögens für den Partner im Falle von z.B. einer Krankheit als Vorteil erwähnt. Auf der zwischenmenschlichen Ebene ist sicherlich auch der Aspekt entscheidend, Fragen bezüglich der Vermögensplanung gemeinschaftlich zu entscheiden und auch das symbolisierte Vertrauen ist oft ausschlaggebend.

Geteiltes Eigentum durch Schenkung

Auf der anderen Seite der Bilanz stehen allerdings handfeste, erb- und steuerrechtliche Fragen sowie die oftmals unterschiedliche Risikoneigung der Beteiligten. Mit der geteilten Eigentumslage gehen einige mögliche Konsequenzen einher, die sich gerne hinter einer oberflächlichen Einfachheit verbergen. In jedem Fall sollten Sie diese Konsequenzen mit Ihrem persönlichen Steuerberater besprechen. Hier dargestellte Probleme sollen nur auf mögliche Konsequenzen aufmerksam machen und stellen dementsprechend keine Beratung dar. Die geteilte Eigentumslage bei Depots wird rechtlich durch eine Schenkung erreicht. Eine solche Transaktion hat direkte steuerliche Konsequenzen, die sich in Abhängigkeit von Verwandtschaftsgrad und Umfang der Schenkung ergeben. Als Bemessungsgrundlage dient dabei natürlich nicht nur das Depot sondern auch beispielsweise gemeinsam aufgebaute Immobilien. Der auf den ersten Blick umfangreich erscheinende Freibetrag wird daher oft schnell aufgebraucht.

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Gemeinschaftsdepots bringen auch im Erbfall eventuelle Risiken mit sich

Zusätzlich ergeben sich aus dem geteilten Eigentum auch noch erbrechtliche Fragestellungen, die je nach Einzelfall zu verschiedenen Schwierigkeiten führen können. Ein einfaches Beispiel: Anita und Bernd führen ein Gemeinschaftsdepot. Anita zahlt einen großen Teil ihres wiederum geerbten Vermögens ein: €1,6 Mio. Jetzt zahlt Bernd auf die Hälfte der Einzahlung (abzüglich noch freier Freibeträge) die Schenkungssteuer. Nach einigen Jahren stirbt Bernd. Anita erbt daraufhin seinen Anteil an dem Gemeinschaftsdepot und zahlt nun auf das ursprünglich von ihr eingezahlte Vermögen erneut Erbschaftssteuer. Zusammen können diese beiden Steuern das ursprünglich eingebrachte Vermögen erheblich mindern.

Ähnlich kompliziert wird es auch bei einer Weitergabe von Vermögen an die nächste Generation. Gibt einer der beiden Partner beispielsweise etwas von dem gemeinsamen Depot an einen Verwandten weiter, wird davon ausgegangen, dass die Schenkung hälftig auch vom anderen Partner erfolgt. Damit kann es je nach Verwandtschaftsverhältnissen der beiden Partnern zu Konflikten bezüglich des Freibetrags kommen. Beispielsweise kann ein Partner direkt mit dem Begünstigen verwandt sein und daher auf einen großen Freibetrag zurückgreifen, während der andere Partner nicht oder nur indirekt verwandt ist und daher deutlich niedrigere Grenzen zutreffen.

Geringe Flexibilität und buchhalterisch fordernd

Der zweite wichtige Punkt, der oft übersehen wird, geht ebenfalls mit der Eigentumsübertragung einher. Um die Bemessungsgrundlage für die Steuer aufzustellen ist der Halter des Depots verpflichtet nachzuweisen wie sich einzelne Vermögensbewegungen auf dem Depot ergeben haben. Will man das gemeinsame Depot also zum Beispiel nach 20 Jahren - in denen sich meist vielfältige Transaktionen und Vermögensbewegungen ergeben - auflösen, fällt eine umfangreiche und komplexe Buchhaltungsaufgabe an. Leider wird dieser Punkt immer wieder unterschätzt und bei der Eröffnung eines Gemeinschaftsdepots nicht mitbedacht. Auch dieser Punkt straft die angenommene Einfachheit eines Gemeinschaftsdepots Lügen.

Schließlich muss das Risikoprofil der beiden Partner betrachtet werden. Oftmals unterscheiden sich die Beteiligten an einem Gemeinschaftsdepot in ihren individuellen Risikoneigungen, was nicht selten zu Belastungen der Beziehung führen kann. Ein offensiv eingestellter Investor könnte so umfangreicher an den Chancen des Kapitalmarkts partizipieren wollen, während der defensiver eingestellte Partner lieber mögliche Wertschwankungen auf ein Minimum reduzieren würde. Die Finanzwissenschaften betonen immer wieder das Konzept der Risikoneigung als zentrale Frage für eine langfristige Vermögensplanung - ein Gemeinschaftsdepot untergräbt diese wichtige Grundlage einer maßgeschneiderten, individuellen Finanzplanung.

Die Alternative: Gegenseitige Depotbevollmächtigung

Eine gute Alternative stellen daher getrennte Konten mit einer gegenseitigen Bevollmächtigung dar. Hier können die Risikoneigungen individuell und adäquat angepasst werden und die Eigentumslage ist eindeutig und transparent aufgeteilt. Auch eine Weitergabe von Vermögen an die nächste Generation ließe sich so deutlich unkomplizierter durchsetzen, ohne Rücksicht auf unterschiedliche Verwandtschaftsgrade nehmen zu müssen. Ebenso fällt die notwendige buchhalterische Sorgfalt weg und die Gefahr auf eingebrachtes Vermögen unnötige Schenkungs- sowie Erbschaftssteuern zahlen zu müssen würde sich reduzieren. Will man einem Äquivalent noch näher kommen, könnte man auch jede Einzahlung auf beide Konten aufteilen - nichts anderes passiert bei einem Gemeinschaftsdepot. Das Vertrauen, das für eine gegenseitige Bevollmächtigung notwendig ist, stellt eine gute Grundlage für eine gemeinsam geplante finanzielle Zukunft dar - ohne die eventuellen Nachteile eines Gemeinschaftsdepots.


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