Antizyklisches Faktor-Investing erfolgreichste Robo-Advisor-Strategie - Gastbeitrag Börsen-Zeitung

Dieser Artikel erschien am 29.04.2017 als Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank stellt nicht nur Banken, sondern auch Sparer vor große Herausforderungen. Der Umstieg von traditionellen Sparformen wie Festgeld oder Sparbuch auf alternative Geldanlagen scheint unumgänglich. Das Wertpapiergeschäft gewinnt daher zunehmend an Bedeutung.
Vor dem Hintergrund des Digitalisierungstrends können derzeit vor allem Robo-Advisor profitieren. Denn als Vermittler zwischen Sparer und Kapitalmarkt bieten die digitalen Vermögensverwalter jedermann einen nahezu barrierefreien Zugang zum Kapitalmarkt. Über ihre eigene Plattform stellen sie für Anleger unter Berücksichtigung der angegebenen Anlagepräferenzen individuelle Wertpapierportfolios zusammen. Die jährliche Gebühr für die Verwaltung orientiert sich nahe einem einstelligen Prozentbereich der Anlagesumme. Zusätzlich fallen bei einigen Anbietern Wertpapierkosten an, die jedoch aufgrund der Investition in passive Exchange Traded Funds (ETF) ebenfalls durch eine günstige Kostenstruktur gekennzeichnet sind.
Durch die strenge ETF-Fokussierung können Robo-Advisor über ihre Plattformen Portfolios anbieten. Das ist nicht nur günstiger als bei klassischen Vermögensverwaltern, sondern statistisch gesehen auch erfolgreicher. 2016 konnte eine von Standard & Poor’s in Auftrag gegebene Untersuchung belegen, dass 86 % aller 25 000 untersuchten aktiven Fonds über einen Zeitraum von zehn Jahren ihre Ziele verfehlten und unter der Marktrendite lagen.
Im Gegensatz zu dem aktiven Stock-Picking von Fondsmanagern wird das Index-Tracking durch ETF dem passiven Fondsmanagement zugeordnet. Der Markt bietet mittlerweile mehr als 1 500 ETF an, aus denen sich Portfolios zusammenstellen lassen. Mit der als „Buy and Hold“ bekannten Strategie werden beispielsweise strukturgleiche Anteile am Marktportfolio gekauft und ohne bewusste Selektion gehalten. Mit diesem passiven Modell ist es dem Anleger jedoch nicht möglich, ein konstantes Risiko-Rendite-Verhältnis zu erhalten. Aus diesem Grund verfolgen die meisten Robo-Advisor mit dem sogenannten Rebalancing sehr wohl eine aktive Anlagestrategie, um das Portfolio laufend zu optimieren. Die passende Wertpapierkombination wird von den Robo-Advisors durch den Zusammenhang zwischen persönlicher Renditeerwartung und Risikoneigung ermittelt und in einem Portfolio abgebildet.

Value-at-Risk en vogue

Für diese individuelle Portfoliobildung nutzt die Mehrheit der Robo-Advisor finanzmathematische Optimierungsmodelle, deren Verwendung zu einem gesunden Rendite-Risiko-Verhältnis der Portfolios beitragen sollen. Vor allem die Moderne Portfoliotheorie des nobelpreisgekrönten Harry M. Markowitz aus den 1950er Jahren ist bei vielen Anbietern in der Anlagestrategie vertreten. Das Ziel, durch breite Diversifizierung der Wertpapiere die erwartete Rendite bei gegebenem Risiko zu maximieren oder alternativ das Risiko bei gegebener erwarteter Rendite zu minimieren, dient den Anbietern als solides Rahmenwerk für die Asset Allocation. Doch auch Erweiterungsmodelle dieses klassischen Ansatzes sowie von diesem Ansatz grundlegend abweichende Modelle werden immer häufiger verwendet.
Unter vielen deutschen Robo-Advisors findet besonders der Value-at-Risk-Ansatz Anwendung, um das Portfolio für die Anleger zu optimieren. Im Gegensatz zu der Modernen Portfoliotheorie gibt der Value-at- Risk (VaR) einen potenziellen Verlustbetrag eines Portfolios an, der mit einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Zeitperiode nicht überschritten wird. Zur Portfolio-Optimierung wählen die Robo-Advisor meist eine Zeitspanne von einem Jahr und eine vorgegebene Wahrscheinlichkeit von 95 %. Wählt ein Anleger z. B. einen VaR von 12 %, wird er in einem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % nicht mehr als 12 % seiner Anlagesumme verlieren.

Ansatz umstritten

Doch der VaR-Ansatz ist in der Branche umstritten. Viele werfen ihm vor, dass er das Ausmaß von Großverlusten ignoriert. Daher wenden andere Anbieter alternative Strategien wie das Faktor-Investing an. Im Gegensatz zu dem prozyklischen Vorgehen des VaR-Ansatzes wird beim Faktor-Investing antizyklisch investiert. Statt sich beim Kaufen und Verkaufen der Wertpapiere auf eindeutige Markttrends zu verlassen, wird bei dem antizyklischen Ansatz vor allem entgegen den Trends investiert, um die Prämien gestiegener Titel zu realisieren und untergewichtete Titel nachzukaufen. Berücksichtigt werden jedoch nicht nur aktuelle Markttrends, sondern auch Faktoren, die auf die Renditeentwicklung der Wertpapiere Einfluss nehmen. Dazu zählen unter anderem die Marktkapitalisierung, das Kurs-Buchwert-Verhältnis und die Aktienvolatilität.
Auf die Frage, welche Anlagestrategie letztlich eine bessere Performance und demzufolge eine überzeugende Nettorendite liefert, konnte bisher aufgrund der jungen Geschäftsjahre der Anbieter keine aussagekräftige Antwort gegeben werden. Doch nachdem einige Robo-Advisor Anfang des Jahres erstmals ihre Performancezahlen aus 2016 veröffentlicht haben, hat die ETF-Plattform „EXtra-Magazin“ einen direkten Vergleich durchgeführt. Verglichen wurden dabei acht deutsche Robo-Advisor, die ihre Portfolios entweder nach dem VaR-Ansatz optimieren, antizyklisches Faktor-Investing verwenden oder lediglich die „Buy and Hold“-Strategie verfolgen.

Deutliche Renditeunterschiede

Dabei wurden deutliche Renditeunterschiede zwischen VaR und Faktor-Investing offenkundig. Das French-Fama-Dreifaktorenmodell von Ginmon beispielsweise, das ebenfalls zum Faktor-Investing gezählt wird, konnte in allen Risikoklassen vergleichbare VaR-Modelle schlagen. Besonders überraschend waren die schlechten Ergebnisse der VaR-Anwender, die in der höchsten Risikoklasse allen anderen Strategien unterlegen waren. Auch in niedrigeren Risikoklassen schneidet der VaR-Ansatz vergleichsweise schlecht ab. Mit 2,2 % Rendite liegt dieser erneut im unteren Performance-Bereich und wird sogar von der „Buy and Hold“-Strategie übertroffen, die mit 10,4 % besonders gute Performanceergebnisse im mittleren Risikobereich erzielen konnte und in dieser Kategorie sogar knapp das Ergebnis des Faktor-Investing übertraf.
Unabhängig von der Wahl der Anlagestrategie zeigt der Vergleich zunächst, dass eine Investition in Wertpapiere aktuell ertragreicher ist als jede herkömmliche Spareinlage. Robo-Advisor verhelfen zudem aufgrund ihrer niedrigen Kosten zu einer attraktiven Nettorendite. Was die verschiedenen Anlagestrategien der digitalen Vermögensverwalter betrifft, so gibt es erste Hinweise darauf, dass das antizyklische Faktor-Investing alternativen Modellen in der Anlagepraxis überlegen ist. Allerdings ist der Ein-Jahres-Vergleich der einzelnen Anbieter noch nicht ausreichend, um ein endgültiges Urteil bilden zu können. Es bleibt abzuwarten, wie sich die einzelnen Algorithmen zukünftig in unterschiedlichen Marktphasen bewähren werden.


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